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Das Ding mit der Verantwortung

Immer wieder versuche ich mich in die Lage des Pferdes zu versetzen…

Was würde ich als Pferd brauchen, um glücklich zu sein? Was würde Sicherheit für mich -als Pferd- bedeuten? Wie würde ich ein zufriedenes Leben führen können?

Denn das ist es – ein zufriedenes Leben – was ich mir für meine Pferde wünsche. Wäre ich ein Pferd wüsste ich gerne, wo ich zu Hause bin. Das bedeutet konkret, ich kenne den Ort an dem ich lebe, ich kenne meine Pferde-Freunde, ich weiß wo ich Futter, Wasser und Schlafmöglichkeiten finde und ich fühle mich sicher in mehrfacher Hinsicht. Zum einen fühle ich mich sicher, weil ich weiß und erfahren habe, dass sich die Umgebung nicht wesentlich verändert, zum anderen weil ich mir sicher bin, dass die Menschen, die zu mir kommen, gut zu mir sind. Im besten Fall möchte ich meine Grundbedürfnisse von Futter, Wasser, Spielkontakten und Bewegung selbst einteilen können und somit sozusagen als Pferd Selbstversorger sein. Wenn ich den Menschen oder die Menschen sehe, die regelmäßig zu mir kommen möchte ich mich gerne freuen, weil ich weiß, dass irgendetwas angenehmes folgt.


Was bedeutet das also für mich als Mensch und Pferdehalter? Bei mir leben aktuell neun Pferde in einer konstanten Herde auf circa 16 ha. Es steht permanent Heu, Stroh und Wasser zur Verfügung, sowie die gesamte Fläche, die sowohl als Bewegungsraum als auch als Futterfläche genutzt wird.


Diese neun Pferde sind „natürlich“ so unterschiedlich wie sie nur sein können. Allen gemeinsam ist jedoch meiner Meinung nach, dass sie die Freiheit genießen bezüglich: wann sie sich wie bewegen, wann sie wo schlafen, wer mit wem wann spielt und wann wo wie viel gegessen wird. Das sind für mich die existenziellen Grundbedürfnisse eines jeden Pferdes, denen ich versuche in meiner Haltung Rechnung zu tragen. Glücklicherweise funktioniert das in meiner Haltung auch recht gut, denn einer der schwierigsten Punkte scheint ja die unterschiedliche Fütterung bei verschiedenen großen Tieren und auch unterschiedlichen Rassen zu sein.

Da unser Boden aber sehr sandig ist und somit der Bewuchs zuckerarm ist, ist diese Haltung möglich, ohne dass meine Pferde an Fettleibigkeit erkranken. Ja, im Sommer sind sie etwas dicker als im Winter; aber über das Jahr reguliert sich das - manchmal mithilfe von Kräuterzugaben- doch recht gut und ich denke, dass diese Gewichtsschwankungen – die natürlich in Maßen stattfinden müssen – auch eine natürliche Begebenheit darstellt, mit der der Pferdeorganismus gut umgehen kann.


Das wichtigste Ziel in der Pferdehaltung ist für mich, dass meine Pferde psychisch und physisch gesund sind und zwar im pferdischen Sinne.


Alles was darauf on top kommt, also reiten, Bodenarbeit, longieren, Zirkuslektionen etc. sind für mich menschliche Bedürfnisse, nach denen das Pferd per se erst einmal nicht fragt. Dennoch finde ich es voll und ganz vertretbar und - nebenbei - wunderschön mit meinen Pferden meine Freizeit zu verbringen.


Was gibt es schöneres als zu reiten, mit ihnen Fahrrad zu fahren, spazieren zu gehen, gymnastische Arbeit zu machen, einfach mit ihnen zusammen zu sein? Ich versuche mir nur jeden Tag darüber im Klaren zu sein, dass das primär etwas ist, was ICH mir wünsche. Damit will ich nicht sagen, dass es nicht Pferde gibt, die regelrecht danach fragen – und jederzeit gerne mit den Menschen zusammenarbeiten. Ich denke lediglich, es ist wichtig, genau hin zu gucken, welches Pferd das gerne macht.

Ich habe eine Stute seit circa zehn Jahren an meiner Seite, die es liebt in der Umgebung von Menschen zu sein. Sie ist die erste, die nach vorne kommt, wenn sie sieht, dass Menschen in der Nähe sind, sie steht neben mir, wenn ich den Zaun repariere, sie steht neben mir, wenn ich das Paddock sauber mache, sie wartet am Zaun wenn ich wieder gehe ob ich nicht doch noch mal zurück komme und ihr Gesicht zeigt absolute Fassungslosigkeit wenn ich ein anderes Pferd zum reiten fertig mache… sie liebt es einfach dabei zu sein - am besten im Mittelpunkt!:-)


Die zwei Isländer haben ein anderes Naturell… sie kommen auch gerne. Sie scheinen sich bei den Ausritten und auch bei der Arbeit auf dem Platz wohl zu fühlen, sind witzig und munter und zugewandt im Kontakt, aber sie sind weniger wie ein Magnet. Einige Tage ohne diesen menschlichen Firlefanz und die Bespaßung sind für sie offensichtlich auch wirklich in Ordnung und es scheint ihnen in dieser Zeit nichts zu fehlen.


Diese Unterschiedlichkeit in den Bedürfnissen der Pferde zu erkennen ist für mich sehr, sehr wichtig. Es macht mir Freude zu beobachten, was welches Pferd braucht. Wie viel menschlichen Kontakt jedes Individuum möchte.


Und ich gebe mir Mühe mich an ihren Bedürfnissen zu orientieren und versuche ihnen das zu geben was ihnen entspricht und sie nicht einfach meinen Wunschvorstellungen unterzuordnen.


Im besten Fall schaffe ich es den Pferden, die von sich aus nicht den größten Zug zum Menschen haben über die Zeit zu vermitteln, dass es schön sein kann in der Nähe des Menschen zu sein. Nicht über Konditionierung, nicht über Zwang, sondern darüber, dass ich versuche herauszufinden was sie gerne mit den Menschen tun und mich darauf einzustellen wieder meine Bedürfnisse zurück zu schieben.


Unterm Strich: für mich bedeutet Verantwortung in der Pferdehaltung, dass alle Pferde ihre Grundbedürfnisse so unabhängig wie möglich von mir als Mensch befriedigen können. Es sich für das Pferd also nicht so anfühlt, dass sie von mir als Mensch regelrecht abhängig sind.

Natürlich bin ich als Mensch verantwortlich, dass das Rauhfutter von guter Qualität ist, dass es zur Verfügung steht, dass die Fläche sauber ist etc.

Aber ich möchte, dass das Pferd sich selbstständig frei entscheiden kann wann es wo wie viel zu sich nimmt und nicht auf meine fütternde Hand oder auf meine Hand die es aufs Paddock bringt - damit es sich jetzt bewegen kann -, oder auf meine Hand, die es jetzt in die Box führt - damit es ruhen kann - etc. angewiesen ist.

Das ist für mich Verantwortung in der Pferdehaltung.

Im allerbesten Fall - und das lässt mein Herz wirklich aufgehen - freuen sich die Pferde mich zu sehen, einfach weil sie gerne mit mir zusammen sind und nicht weil sie abhängig von mir sind.


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